Liebe Negah, vielen Dank, dass du heute hier bist. Wir sind im Zug, mitten im Pendlerverkehr – das ist nicht gerade alltäglich. Wie fühlt sich das für dich an?
Negah Amiri:
Es ist tatsächlich alles andere als gewöhnlich. Ich sehe es als eine Art soziales Experiment – für mich genauso wie für die Menschen, die hier zusteigen. Es hat enormes Cringe-Potenzial, liebevoll gesagt. Aber die Aufgabe ist ganz klar: zu verbinden. Und wenn das klappt – was ich glaube – dann haben wir heute schon viel erreicht.
Du bist im Alter von elf Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Wie sehr haben dich diese Erfahrungen geprägt? Und wie fließen sie in dein Bühnenprogramm ein?
Negah Amiri:
Mit elf seine Heimat zu verlassen und ein völlig neues Leben zu beginnen, ist eine extreme Situation – besonders für ein junges Mädchen. Ich kam damals auf eine Schule, an der viele Kulturen aufeinandertrafen. Ich wusste lange nicht, wo ich hingehöre. Doch ich habe früh erkannt: Humor kann eine starke Waffe sein, um sich durchzusetzen. Das hat mir geholfen – und irgendwann wurde genau das mein Beruf.
Du sprichst offen über Rassismus, kulturelle Unterschiede und gesellschaftliche Prägung. Wie gelingt es dir, so ernste Themen humorvoll zu behandeln, ohne sie zu verharmlosen?
Negah Amiri
Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen zu verbinden und Ängste zu nehmen. Oft haben Menschen Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn in meinem Publikum Jung und Alt, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte gemeinsam lachen, dann weiß ich: Genau darum geht es. Solche Momente zeigen, dass wir doch alle gleich sind – das macht Hoffnung.
Gab es Situationen, in denen du erlebt hast, dass Humor Brücken zwischen Kulturen bauen kann?
Negah Amiri:
Unbedingt. Mein Vorname ist Negah – ein persischer Name, der bei vielen in Deutschland für Verwirrung gesorgt hat. In der Schule wurde er manchmal in rassistische Kontexte gezogen. Ich hätte daran zerbrechen können, aber ich habe beschlossen, mitzuhalten, mitzulachen – und so die Kontrolle über die Situation zurückgewonnen. Humor war mein Schutzschild.
Viele Ausschnitte in deinem Bühnenprogramm basieren auf persönlichen Erfahrungen. Aber was inspiriert dich darüber hinaus?
Negah Amiri:
Ich habe mich oft gefragt, warum ich Comedy mache. Nur zum Lachen bringen – das reicht mir nicht. Ich will Tiefe. Als Kind gab es Künstler*innen, mit denen ich mich identifizieren konnte – sie haben mir das Gefühl gegeben: Ich bin nicht allein. Heute möchte ich genau dieses Gefühl weitergeben. Wenn jemand sagt: „Die hat genau das erlebt, was ich gerade durchmache“ und sich komplett in meiner Comedy wiederkennen, dann ist das für mich das größte Kompliment.
Greifst du auch auf Alltagsbeobachtungen zurück?
Negah Amiri:
Definitiv. Ich sehe die Welt durch eine Comedy-Brille. Selbst tragische Situationen kann ich nach ein paar Wochen mit etwas Abstand oft in etwas Humorvolles verwandeln. Das hilft – mir selbst und auch dem Publikum.
Gab es auf der Bühne schon Momente, in denen du zu weit gegangen bist?
Negah Amiri:
Ich glaube nicht. Zumindest nicht bewusst. Klar, manche verstehen einen Gag falsch – das passiert. Auch Comedy verändert sich mit der Zeit. Aber ich achte sehr darauf, niemanden zu verletzen. Ich bin harmoniebedürftig, gehe lieber verbindend mit Themen um. Und wer mal durch meine Instagram-Kommentarspalte scrollt, weiß: Es gibt genug, die einen trotzdem missverstehen wollen.
In einem Podcast hast du mal gesagt: „Je mehr Tragik, desto mehr Comedy.“
Was war das Peinlichste, worüber du im Nachhinein lachen musstest?
Negah Amiri:
Da fällt mir direkt etwas ein: Ich war 14 und half in einem italienischen Restaurant aus. Eine englischsprachige Gruppe bat mich: „Could you take a picture of us?“ Ich habe das falsch verstanden, mich selbst vor sie gestellt und posiert – statt sie zu fotografieren. Das war für alle maximal peinlich – aber auch urkomisch, wenn ich heute zurückblicke.
Unsere heutige Kampagne stellt das Thema Verbundenheit in den Mittelpunkt. Begriffe wie Herkunft, Zugehörigkeit und Identität spielen dabei eine große Rolle. Welche Bedeutung hat Humor in diesem Zusammenhang für dich?
Negah Amiri:
Humor ist für mich der Schlüssel. Wir haben immer die Wahl: Betone ich das Trennende – oder mache ich Unterschiede zum Anlass für Lachen und Verbindung? Ich mache mich oft über iranische Eigenheiten lustig – etwa die ewige Rechnungsdiskussion im Restaurant. Und dann vergleiche ich das mit deutschen Freunden, bei denen das Bezahlen ganz unkompliziert abläuft. Das ist lustig – und zeigt gleichzeitig, wie schön kulturelle Unterschiede sein können.
Was würdest du jungen Menschen raten, die – wie du damals – neu in Deutschland ankommen und noch auf der Suche nach ihrer Identität sind?
Negah Amiri:
Es ist okay, wenn es schwer ist. Das darf man annehmen. Man verliert ja alles – Heimat, Freunde, Familie – und muss sich in einem neuen System zurechtfinden. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft mehr Verständnis für diesen Schmerz zeigt. Und den Jugendlichen selbst rate ich: Bleibt mutig. Ich war früher sehr schüchtern, aber ich musste lernen, auf Menschen zuzugehen. Und glaubt an euch – auch wenn Lehrer sagen, ihr schafft es nicht. Mir wurde oft geraten, die Schule abzubrechen. Am Ende habe ich Abitur gemacht, studiert – und stehe heute auf Bühnen.
Wenn du einen Wunsch frei hättest für die Gesellschaft von morgen – was wäre das?
Negah Amiri:
Ich wünsche mir, dass Menschen, die mit innerem Hass durchs Leben gehen, den Mut finden, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen – vielleicht auch in einer Therapie. Wer bei sich selbst aufräumt, hat weniger Grund, gegen andere zu schießen. Ich glaube fest daran: Wenn mehr Menschen innerlich heilen, wird die Welt ein besserer Ort.
Wie können öffentliche Verkehrsmittel – wie die Linien RE 7 und RB 48 – Symbol für ein besseres gesellschaftliches Miteinander sein?
Negah Amiri:
Indem sie genau solche Aktionen wie heute ermöglichen! Eure Kampagne schafft Sichtbarkeit für Themen wie Vielfalt, Zugehörigkeit und Integration. Und allein, dass ihr das tut, zeigt: Ihr meint es ernst. Das ist schon die halbe Miete. Sichtbarkeit ist der erste Schritt – und ihr leistet da einen großen Beitrag.
Was bedeutet für dich Gemeinschaft – besonders hier in Deutschland?
Negah Amiri:
Gemeinschaft bedeutet für mich, aufeinander zuzugehen, Unterschiede anzunehmen und voneinander zu lernen. Ich denke da sofort an die vielen Weihnachten, die ich mit meinen deutschen Freund*innen gefeiert habe. Das war für mich nicht selbstverständlich – aber unglaublich schön. Man liest so viel Negatives im Netz, aber in der Realität sind wir oft viel besser zueinander. Und das sollten wir feiern.
Wie hat sich dein Blick auf Deutschland im Laufe der Jahre verändert – insbesondere im Hinblick auf Integration und Vielfalt?
Negah Amiri:
Ich laufe nicht durch den Alltag und fühle mich fremd – ganz und gar nicht. Vielleicht spreche ich da aus einer privilegierten Situation, weil ich auch äußerlich nicht sofort auffalle. In Köln zum Beispiel ist alles sehr multikulturell. Aber in anderen Städten sieht das leider oft anders aus. Die politischen Entwicklungen machen mir Sorgen – besonders, wenn Menschen mit Migrationsgeschichte Parteien wie die AfD wählen. Ich finde es extrem wichtig, sich gut zu informieren – und sich nicht von einminütigen Social-Media-Videos blenden zu lassen. Wir müssen gemeinsam für ein besseres Miteinander eintreten – Deutsche, Menschen mit Migrationsgeschichte, alle. Und das tun wir am besten, indem wir gut zueinander sind.